Dagmar Lieblová - eine Zeitzeugin berichtet

 
Bereits 87 Jahre ist Dagmar Lieblová geb. Fantlová alt und damit eine der wenigen noch lebenden Zeitzeugen des Holocaust. Aber sie ist unermüdlich zu vielen Veranstaltungen unterwegs, um insbesondere mit Jugendlichen über ihr Leben und den nationalsozialistischen Völkermord zu sprechen. Sie ist Mitbegründerin der Theresienstädter Initiative, welche 1990 von einer Vereinigung ehemaliger Häftlinge des Ghettos Theresienstadt und des Ghettos Lodz gegründet wurde. Ziel der Initiative ist es, derer zu gedenken, die nicht überlebten, denen zu helfen, die überlebten und der Nachwelt vom Holocaust zu berichten.
Auf Einladung der „Initiative Gedenken in Harburg“ war Dagmar Lieblová vom 23. bis 26. April zu Gast in Harburg. Die Verleihung des Hans-Frankenthal-Preises in 2016 und das damit verbundene Preisgeld ermöglichten der Initiative die Finanzierung dieser Einladung.
Am 24. und 25.04.sprach sie mit Oberstufenschülern der Goethe-Schule Harburg und der Stadtteilschule Fischbek-Falkenberg über ihre leidvolle Erfahrung im KZ-Außenlager Neugraben und über den Holocaust. Insgesamt 65 Schülerinnen und Schüler und ihre Lehrer nahmen an diesen Veranstaltungen teil und nutzten die Möglichkeit zum Gespräch mit der Zeitzeugin.

Am Montagabend besuchten mehr als 100 Interessierte das Gemeindezentrum der St. Trinitatis-Kirche an der Bremer Straße, um am Zeitzeugengespräch teilzunehmen. Eingestimmt wurden sie durch eine eindrucksvolle filmische Collage aus Familienfotos, die von der damaligen Hausangestellten der Familie Fantl über die Kriegsjahre gerettet worden waren.
Anstelle des erkrankten Bezirksamtsleiters Thomas Völsch wurde das Grußwort des Bezirks vom stellvertretenden Vorsitzenden der Bezirksversammlung,
Herrn Robert Timman, übermittelt.

Dann berichtete Dagmar Lieblová über ihre Leidensgeschichte während der nationalsozialistischen Herrschaft. Sie wurde 1929 im Tschechischen Kutná Hora als Tochter eines jüdischen Arztes geboren.


Im Alter von 13 Jahren wurde sie nach Theresienstadt verbracht und im darauf folgenden Jahr ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Im Sommer 1944 kam sie zunächst in das KZ-Außenlager Dessauer-Ufer im Hamburger Hafen und zwei Monate später ins Frauenaußenlager des KZ Neuengamme am Falkenbergsweg in Neugraben. "Ich hatte großes Glück gehabt, denn jemand hatte mein Alter falsch geschrieben. Nur weil ich auf einem Stück Papier schon als 19-Jährige geführt wurde, kam ich in das Arbeitslager - und so habe ich überlebt", sagte Dagmar Lieblová, die beim Bau einer Plattenhaussiedlung, der Trümmerbeseitigung und beim Ausheben eines Panzergrabens eingesetzt wurde. "Am Falkenbergsweg hausten etwa 500 Frauen in zwei Wohnbaracken auf engstem Raum", berichtete sie weiter. Die Verpflegung war ebenso mangelhaft wie die medizinische Versorgung. Darüber hinaus litten die Häftlinge unter den nassen und kalten Witterungsbedingungen vor Ort und der Willkür des Lagerkommandanten Friedrich Wilhelm Kliem.
Wie viele andere Häftlinge aus deutschen Konzentrationslagern wurde Dagmar Lieblová kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs ins Konzentrationslager Bergen-Belsen transportiert, wo sie am 15. April 1945 von britischen Truppen befreit wurde.
Im Sommer 1945 kehrte sie in ihre Heimat zurück und verbrachte dann fast weitere drei Jahre in einer Lungenheilanstalt. Danach studierte sie Deutsch an der Karls-Universität in Prag. 1955 heiratete sie den Mathematiker Peter Liebl.
Im Anschluss an ihre Ausführungen hatten die Besucher noch viele Fragen, die von Dagmar Lieblová trotz der vorgerückten Stunde geduldig beantwortet wurden bis sie schließlich zusammen mit


Klaus Möller von der "Initiative Gedenken in Harburg" den Beifall des Auditoriums entgegennehmen konnte. Die Initiative Gedenken in Harburg ist froh und dankbar, dass es noch einmal gelungen ist, eine Zeitzeugin einzuladen, um die Erinnerung an die Zeit des Terrors wach zu halten.